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Pension Nord - Molkenkur und Architektur, 15. September 2018, Heiden

Kulturerbe braucht keine Inszenierung

Nach sieben Jahren wurde am vergangenen Wochenende der leer stehenden Pension Nord wieder Leben eingehaucht. Rund 300 Interessierte, darunter viele Stammgäste des ehemaligen Beherbergungsbetriebes, erfuhren mit aufkommender Nostalgie ebenso die wertvolle Bedeutung von Kulturerbe. Nach sieben Jahren herrschte wieder buntes Treiben in der Pension Nord – wenn auch nur für ein Wochenende.

Dichter Nebel umschlang am Samstagmorgen die Hügel Heidens, als Andres Stehli, der letzte Hotelier der Pension Nord, sowie das Ausserrhoder Heimatschutz Vorstandsmitglied und Architekt Thomas Künzle, die Besucherschaft auf eine Zeitreise durch die Geschichte der Pension Nord mitnahmen. Der Saal der Pension Nord war voll von interessierten Zuhörerinnen und Zuhörer – fast wie früher. Sogar die anmutigen Spiegel und die alte Wanduhr schmückten wieder seine Wände.

Ab dem Jahre 1848 erlebte der Kurort Heiden dank seiner Frischluft und Molkenkuren, seiner Heilkräuter, und dank seinem saftigen Wiesengrün eine Blütenzeit. Von der wachsenden touristischen Nachfrage profitierte auch die Pension Nord. Die mit diesem Wachstum einhergehenden architektonischen Entwicklungen vom ursprünglichen Appenzeller Bauernhaus hin zum Gästehaus konnten anhand einer Ausstellung nachvollzogen werden. Ein hölzernes Modell der Pension Nord (Massstab 1:33) lud die Besucherschaft ein, in die baulichen Veränderungen durch die Verschiebung ihrer Bestandteile selbst einzugreifen. Dass der Tourismus nicht nur mit Bauten in einem spannungsreichen Verhältnis steht, thematisierte die zweite Ausstellung «Wènn s nòmme förschi gòòt, so gòòt s hönderschi – Tourismus in Bewegung». Ungeschönte Aspekte des Tourismusgeschäfts wurden offengelegt, wie beispielsweise der touristische Ansturm auf das berühmteste Gasthaus am Alpstein: das Berggasthaus Aescher-Wildkirchli.

Was ein solcher «Overtourism» für unser Kulturerbe und schliesslich für den Schweizer Tourismus bedeutet, führte Jürg Schmid, ehemaliger Direktor Schweiz Tourismus, in seinem Referat am Nachmittag vor Augen. Die sechsteilige Vortragsreihe, moderiert von Hans Schmid, trug die Namen weiterer namhaften Referentinnen und Referenten und beleuchtete die vielfältigen und komplexen Beziehungen zwischen Tourismus und Architektur. Eröffnet von Alfred Stricker, Regierungsrat Appenzell Ausserrhoden, bildete ein historischer Abriss der touristischen Eroberung des Alpenraums, dargelegt von Architekturhistoriker Roland Flückiger-Seiler, den Ausgangspunkt der Vortragsreihe. Die beiden Architekten Gordian Blumenthal und Andreas Cukrowicz bezeugten mit der Vorstellung ihrer Philosophie die Wichtigkeit einer nachhaltigen Baukultur, welche Inszenierungen unseres baulichen Kulturerbes überflüssig werden lässt. Jürg Schmid und Mélanie Eppenberger, Verwaltungsratspräsidentin der Toggenburg Bergbahnen AG, schlugen den Bogen von der Architektur zum Tourismus, bis das Künstlerduo Frank und Patrik Riklin mit ihrer Präsentation des «Null Stern Hotels» der touristischen Nachfrage gänzlich den Rücken kehrte. Mit ihrem eingängigen Anstoss zum «anders denken und handeln» entliessen sie das Publikum auf das saftige Grün vor der Pension Nord zu einem Schluck frischer Molke. Der freie Blick auf den Bodensee war überwältigend.

Wie schön Erinnerungen auch sein mögen, und die Tage der offenen Tür der Pension Nord zeigten es uns, Kulturerbe muss wertgeschätzt, verstanden und gepflegt werden.

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Impressionen

Programm

10:00
«Meilensteine. Eine Zeitreise durch die Entstehungsgeschichte der Pension Nord»

Auf einem Aussen- und Innenrundgang werden anschaulich die Ausbauphasen unter den Familien Graf und Stehli und die Entwicklung vom Vorzeige-Bauernhof zu einem der wichtigsten Beherbergungsbetriebe geschildert.

mit Thomas Künzle, Architekt & Vorstand Heimatschutz AR und Andres Stehli, Hotelier & Kurator Museum Heiden

10:00 - 19:00
«Vom Bauernhaus zum Kurhotel. Ein steter Wandel»

Lernen Sie in den geräumten Zimmern die Geschichte der Pension Nord kennen und spüren Sie mittels Bildern dem ehemaligen Treiben im Gästehaus nach.

10:00 - 19:00
​«Wènn s nòmme förschi gòòt, so gòòt s hönderschi» - Tourismus in Bewegung

Eine Ausstellung über die ungeschönte Realität im Tourismusgeschäft.

(«Wènn s nòmme förschi gòòt, so gòòt s hönderschi» ist ein alter Appenzeller Lebensspruch, der soviel bedeutet wie «es gibt keinen Stillstand»).

10:00 - 12:00
«Sprechzimmer» der Denkmalpflege AR

Für Fragen, die Sie der Denkmalpflege schon immer stellen wollten!

Es erwarten Sie die neuen Leitenden der kantonalen Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden: Vreni Härdi und Hans-Ruedi Beck.

14:00 - 18:00
Lust auf pure Gastlichkeit – Architektur des Verwöhnens

Vortragsreihe Tourismus & Architektur: Reflexion nährt Vision

14:00 | Begrüssung

Grusswort: Regierungsrat Appenzell Ausserrhoden Alfred Stricker, Direktor Departement Bildung und Kultur

Gastgeber und Erzähler: Hans Schmid


14:15 | «Die touristische Eroberung des Alpenraums und ihre Baukultur zwischen 1800 und heute»

Roland Flückiger-Seiler, Dr. sc. techn. ETH/Architekturhistoriker


14:45 | «Ein gutes Leben in den Alpen - Bauen am Ort und in der Gemeinschaft»

Gordian Blumenthal, Architekt ETH BSA, Capaul & Blumenthal Architects


15:15 | «Haltung und Identität»

Andreas Cukrowicz, Architekt Mag., Cukrowicz Nachbaur Architekten ZT GmbH


PAUSE - Heilsames und Erquickliches für Zwischendurch


16:15 | «Runterfahren. Abschalten. Vergessen. Haben unsere Gäste wirklich Lust auf Architektur?»

Jürg Schmid, Tourist und Tourismusexperte


16:45 | «Das Haus ist gut»

Mélanie Eppenberger, Verwaltungsratspräsidentin Toggenburg Bergbahnen AG (Chäserrugg)


17:15 | «Anders denken und handeln. Ein Einblick in das immobilienbefreite Null Stern Hotel»

Frank und Patrik Riklin, Konzeptkünstler, Atelier für Sonderaufgaben

10:30 und 18:15
«Die zeitgenössische Form des Übernachtens?»

Geführte Besichtigung des Pop-Up Hotels «Outdoor Boutique Hotel Fernsicht» (beim Gasthaus Zur Fernsicht, Seeallee 10, 9410 Heiden)

Individuelle Besichtigungen sind durchgehend möglich

13:30 - 16:30
Die Kurortsgeschichte von Heiden im 19. Jahrhundert

Abwechselnde Projektion zweier Filme zur Kurortsgeschichte von Heiden im 19. Jahrhundert:

1. Albrecht von Graefe: Licht fürs Auge – Ruhm für Heiden

Heidens Aufstieg zum Weltkurort nach dem Dorfbrand von 1838, mitunter dank des berühmten Augenarztes.

Produktion Museum Heiden, Andres Stehli, 2009, 17 Min.

2. Ein Gang durch das Heiden um 1900

Ein Rundgang zur Jahrhundertwende mittels Postkarten zeigt einen weltbekannten Kurort in Hochblüte.

Produktion Museum Heiden, Andres Stehli, 2016, 21 Min.


Ort: Museum Heiden, Kirchplatz 5, im Postgebäude